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„WIR“ – Reflexionen zum Selbstverständnis unserer Marine diesseits der Weltkriege

ein Bericht über die 60. Historisch-Taktische-Tagung (HiTaTa) der Marine

Wie in den sechs vergangenen Jahren eröffnete der Stellvertreter des Inspekteurs der Marine und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungstruppen, Vizeadmiral Rainer Brinkmann, die 60 Hi Ta Ta mit einer humorvollen aber nichts desto weniger klugen Eröffnungsansprache.

„Das 60. Jubiläum dieser Tagung hat nichts weniger als das Zehnfache an Sympathisanten zusammengeführt. Nicht der Club of Rome, wohl aber der Club of Linstow kann über die Grenzen des Wachstums sinnieren. Und jeder einzelne möge den 600stel Teil dieses Willkommens für sich ganz persönlich nehmen.“ Nach Feststellung, dass sich insgesamt weit mehr als 400 Referenten dieser 60 HiTaTa`s ihren Themen mit teilweise großem Erfolg gewidmet hatten, erläuterte Admiral Brinkmann den Hintergrund der Auswahl für die Leit- und Unterthemen der diesjährigen Jubiläumstagung: „Nicht in den unendlichen historischen Tiefen und Abgründen deutscher Marinen wollen wir suchen, sondern in unserer jüngeren Vergangenheit. Was aus unserer jüngeren Geschichte ist noch heute für unsere eigene Verantwortung im Seegang der Zeit von Relevanz? Aus unterschiedlichen Blickwinkeln und längs eines historischen Bogens werden unsere Referenten Facetten unserer Identität und unseres Selbstverständnisses beleuchten. Der Thematische Kanon reicht dabei von der Frage nach dem Erbe, was wir von den Vorgängermarinen übernommen haben, bis hin zur heutigen Wahrnehmung der Marine in der Öffentlichkeit.“ Begrüßungsrede

Oberleutnant zur See Bastian Niehage M.A. eröffnete den Vortragszyklus mit dem Beitrag: „In der Gegenwart wirksame Vergangenheit? Das Erbe der Marinen in Deutschland.“ Ausgehend von so zu sagen 8 Erblassern in 170 Jahren, zeigte er eine Verbindung von der ersten Deutschen Marine von 1848 zur Gegenwart in die Zeit des neuen Traditionserlasses. Sein Vortrag.

Kapitänleutnant Michael Fuckner M.A., berichtete zum Thema: „Wie ein Phönix aus der Asche? Vom Aufbaugeist der Bundesmarine in den Anfangsjahren.“ Der Referent schilderte, dass der Aufbau der Bundesmarine seit 1956 von Männern erfolgte, die einerseits zum überwiegenden Teil aus der ehemaligen Kriegsmarine kamen und deren Erfahrung damals unverzichtbar war, andererseits aber hatten viele von diesen immer noch eine unkritische Haltung zur Kriegsmarine, was das Vertrauen aus Gesellschaft und Politik belastete. Kptlt Fuckner konnte aber überzeugend darlegen, dass sich die Gründungsväter unserer Marine gegen zahlreiche Widerstände aus dem In- und Ausland durchsetzen konnten und damit in kurzer Zeit eine Marine aufbauten, die zur Sicherung freier Seewege und Westeuropas unverzichtbar wurde. Sein Vortrag

Kapitänleutnant Julius Braun M.A. referierte zum Thema: “Der Kalte Krieger – Gegnerschaft macht stark.“ Die Bundesmarine wurde 1956 als Bündnismarine zur konventionellen Kriegführung gegen die Kräfte der Sowjetunion konzipiert und über 30 Jahre hinweg professionalisiert. Der Referent hinterfragte, ob die Marine sich angesichts der gewandelten Sicherheitslage nicht wieder in erster Linie auf die Landes- und Bündnisverteidigung konzentrieren sollte, um da wieder „Profi“ zu werden und zu alter Kampfkraft zurückzukehren. Sein Vortrag

Oberleutnant zur See Robert Henric Hädicke M.A. MSc. sprach zum Thema: „Neue Aufgaben, neue Erfahrungen – Die Marine in humanitären und friedenstiftenden Einsätzen.“ Der Vortragende hinterfragte, ob wir unsere Einsätze noch verstehen und ob wir als Marinesoldaten stolz sind auf das, was wir leisten. Vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden Sicherheitspolitik, die alles andere als selbsterklärend ist und völlig heterogenen Einsätzen, die nicht der Logik klassischer Seegefechte folgen, muss das Selbstverständnis der Marine definiert werden. Darin sieht der Referent mehr denn je eine Führungsaufgabe, die von unseren Offizieren zu meistern ist. Sein Vortrag

Kapitänleutnant Oliver André Lenz M.A. ging der Frage nach: „Technik und Ego – Modernes Material, motivierte Matrosen?“ Ausgehend von dem Grundsatz, dass die Modernität des eingesetzten Materials in der Marine ein entscheidender Faktor für die Motivation der Besatzungen ist, untersuchte der Referent ob eine kleine, aber feine Flotte, einer weniger modernen größeren Marine vorzuziehen ist. Er ging auch der Frage nach, in welchem Umfang die Modernität seegehender Einheiten für die Motivation der Besatzungen eine Rolle spielt und ob Waffenstolz und Führung diesen Faktor nicht aufwiegen können. Sein Vortrag.

Kapitänleutnant Dipl. Ing. Moritz Georg Jens Brake M.A. ging der Frage in einem Vergleich nach: „Marine gestern und heute – Teilstreitkraft sui generis?“ Seit 1990 haben deutsche Seestreitkräfte den Auftrag „good order at sea“ zu gewährleisten und durch Demonstration, Andeutung oder Anwendung von militärischer Gewalt politische Zielsetzungen zu flankieren oder zu verfolgen. Dies schließt aber auch ein breites Spektrum diplomatischer Botschaften ein, von Bekundungen der Freundschaft bis hin zur Demonstration von Gewaltanwendung. In diesem Aufgabenspektrum verändern sich Rolle und Selbstverständnis der Deutschen Marine. So erhob der Referent unter dem Beifall des Auditoriums die Forderung, dass wir als Marine die Diskussion und Berichterstattung über uns nicht allein der Politik zu überlassen haben, sondern selbst unsere einzigartigen Fähigkeiten noch wirkungsvoller in den Dienst der Bundesrepublik zu stellen haben. Sein Vortrag

Frau Kapitänleutnant Leonie Jaskowski M. A .trug zum Thema vor: „Kleider machen Leute – Von Individualität über Uniformität zur Identität?“ Ausgehend von der durch die Verhaltensforschung festgestellten Tatsache, dass im militärischen Umfeld immer Individualität und Uniformität in einem Spannungsfeld stehen und dem Umstand, dass der Marineuniform als sichtbarer Ausdruck unserer maritimen Geschichte eine besondere Bedeutung zukommt, sah sie hier einen Weg zu einer gemeinsamen Identität. An Hand der in der Vergangenheit gewachsenen Form der Marineuniform stellte sie fest, dass es ohne Geschichte keine Identität geben kann und regte zum Nachdenken an, dass die generationsübergreifend, historisch tradierte Uniform Hilfsmittel, aber auch Notwendigkeit ist, unsere Identität als Teil der Marine zu finden. Ihr Vortrag

Mit dem Beitrag von Frau Oberleutnant zur See Julia Sälzer MSc. zum Thema: “Wir dienen Deutschland … und keiner will es wissen? Die Marine im Spiegel öffentlicher Wahrnehmung“ endete der Zyklus der Vorträge von Marineoffizieren. Frau OLt Sälzer ging davon aus, dass sich die Bundeswehr seit 1990 immer mehr von einer Verteidigungsarmee zu einer Armee im Einsatz gewandelt hat und seit der Aussetzung der Allgemeinen Wehrpflicht 2011 die Bevölkerung der Bundesrepublik fast nur noch über die Medien Kontakt zu den Streitkräften hat. Die Wahrnehmung der Marine in der Öffentlichkeit führt zweifellos zu Folgen für die Entwicklung des Selbstverständnisses der Marinesoldaten. Die Referentin sieht eine mögliche Abhilfe in der Intensivierung der Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Marine durch eine stärkere Verwendung von Portalen, wie Facebook, Twitter etc. Ihr Vortrag

Ein Vortragshöhepunkt der 60. HiTaTa war dann die Ansprache von Dr. Peter Tauber, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung. Dr. Tauber referierte: „Von fernen Helden zu nahen Vorbildern – Das Bild der Marine in der Gesellschaft der Reichsmarine bis zur Deutschen Marine 2019″.

Der Staatsekretär stellte fest, dass man sich in der Öffentlichkeit durchaus für die Menschen in Uniform aber auch für die moderne Technik und Waffensysteme der Bundeswehr interessiert.  „Angesichts des Missbrauchs, der mit Helden und Heroen in unserer wechselvollen Geschichte getrieben wurde, ist die Verwendung des deutlich unverdächtigeren Begriffes „Vorbild“ glücklicher. Die Bürger wollen auf ihre Soldaten stolz sein, aber diese müssen keine Helden sondern sollen Vorbilder sein. Dies entspricht dem eigenen Selbstverständnis dass die Soldaten der Bundeswehr Bürger in Uniform sind. Dadurch, dass es der Bundeswehr gelungen ist, die sittlichen Werte des deutschen Soldatentums mit der Demokratie zu verschmelzen, hat sie bewiesen, dass Demokratie und Streitkräfte kein Widerspruch sind. Die Soldaten der Bundeswehr verteidigen eine Werteordnung des Grundgesetzes. Übrigens sind sie auch in diesem Anspruch Vorbild für eine Gesellschaft, die sich offenkundig nicht bewusst ist, dass Einigkeit und Recht und Freiheit jeden Tag aufs Neue erkämpft und verteidigt werden müssen.… Mein Fazit: Ich bin begeistert, welches Bild viele unserer Soldatinnen und Soldaten – gerade auch in der Marine – von unseren Streitkräften in sozialen Netzwerken zeigen. Man merkt die Freude am Dienst, aber auch die Anstrengungen. Man merkt, da sind Bürgerinnen und Bürger, die fühlen sich verantwortlich für unser Land. Für den Frieden. Für unsere Freiheit. Es liegt aber an Ihnen als Vorgesetzte, mehr Männer und Frauen in die Lage zu versetzen und zu ermutigen, diese Freude am Dienst und das ,was sie als Persönlichkeiten ausmacht, mit anderen zu teilen.“ Sein Vortrag

In seiner Abschlussansprache fasste Vizeadmiral Brinkmann die 60. HiTaTa zusammen, indem er feststellte, dass Identität die unverwechselbare Prägung, Perzeption und Sinnstiftung einer Gemeinschaft ist. Alle Referenten hatten entsprechende Einblicke gegeben indem sie Historisches an unserer Zeit gespiegelt und in unsere Zeit projiziert haben. Dabei wurde das Auditorium teils mit Fragen, teils mit subjektiven Bewertungen konfrontiert, auf die jeder selbst eine Antwort finden muss. Mit seiner Herausstellung, wie positiv unsere Marine in der Öffentlichkeit wahrgenommen und erlebt wird, hat Staatssekretär Dr. Tauber festgehalten, „ dass wir in der Marine durchaus als Vorbild gelten können, das Zeug zum Richtfeuer und Leuchtturm haben, indem wir Werte unserer demokratischen Grundordnung nach Innen und Außen vorleben. Das ist Auszeichnung und Verpflichtung zugleich!“ Sein Resümee

Die Veranstaltung endete wie jedes Jahr mit der Ansprache des Inspekteurs der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause.

 

Text: Dr. Heinrich Walle

Fotos: 2020 Bundeswehr/Steve Back und Marcus Bredick

Anm.: Bei allen Vorträgen gilt das gesprochene Wort