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Beiträge

Dr. Reinhard Lüken (rechts)
Ragnar Schwefel (links)

Kurs und Fahrt mit weniger Emissionen

Gibt es für die Schifffahrt die „reine“ Wahrheit?

Das Deutsche Maritime Institut (DMI) und der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) hatten am 9. Oktober für den 12. Maritimen After Work Club (MAWC) des Maritimen Hauptstadtforums (MHF) zu einem hochaktuellen Thema eingeladen:

„Praktische Ansätze zur Einführung emissionsarmer Schiffe“ – das assoziierte hochgekrempelte Ärmel!

Unweit des Veranstaltungsortes, der Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin, demonstrierten just zu diesem Zeitpunkt Klimaschützer. Vielleicht hätte es diese Menschen ein wenig beruhigt, wenn sie über die Pläne der Schifffahrtsbranche für die kommenden Jahre informiert gewesen wären.

Luftverschmutzung und Klimaschutz stehen auf der Agenda ganz oben, das dringt spätestens seit der letzten Nationalen Maritimen Konferenz in Friedrichshafen (die Zeitschrift „MarineForum“ berichtete in Heft 7-19), die unter dem Motto „Global-Smart-Green“ stand, zunehmend in die nicht-maritime Öffentlichkeit.

Mit einem Impulsvortrag eröffnete Dr. Reinhard Lüken Hauptgeschäftsführer des VSM, den Abend. Selbstbewusst bezeichnete er die Schifffahrt als sehr effizient. Im Vergleich zum Transport per Lastwagen, Bahn und insbesondere per Flugzeug ist das Schiff noch immer mehr als konkurrenzfähig. Er verschwieg nicht die seit Jahren schwierigen Rahmenbedingungen für Schifffahrt und Schiffbau in Deutschland. Dass man sich von der Nutzung des Schweröls nur sehr zögerlich verabschieden möchte und zur Umsetzung der neuen Richtlinien ab dem 1. Januar 2020 zudem erhebliche technische und finanzielle Anstrengungen erforderlich sind, machte er mit der nüchternen Nennung der Grenzwerte deutlich. Es würden zwar Emissionen verringert, aber „schwefelärmer ist eben noch nicht schwefelarm“. Er mahnte an, in den Diskussionen die Begriffe Luftverschmutzung und Klimaschutz nicht zu vermengen. Das könne man am sogenannten „Landstrom“ für Schiffe verdeutlichen: Durch dessen Nutzung würde die Luft im Hafen zwar sauberer, zum Klimaschutz trüge das aber nun gar nichts bei, da der Strom nach wie vor mit fossilen Brennstoffen produziert würde.

Ragnar Schwefel, Leiter des Berliner VSM-Büros, führte die Gäste mit einer umfangreichen Bewertung der aktuellen Fakten und Zukunftsaussichten in das Thema ein. Er machte deutlich, dass die „öffentliche Hand“ in Deutschland kaum eigenen Handlungsspielraum habe, denn die Regeln würden von der IMO (International Maritime Organization) oder in Brüssel aufgestellt. Viele Maßnahmen seien noch in der Theorie steckengeblieben, denn es würde nur gemacht, was einen wirtschaftlichen Anreiz habe. Und staatliche Förderungen müssten auch einen realen Bezug haben, ansonsten würden die vom Steuerzahler getragenen Maßnahmen im internationalen Raum verpuffen. Man könne ab sofort jedes Schiff drastisch sauberer machen, man müsse aber in dieser Trendwende den Altbestand insbesondere in der Binnenschifffahrt im Auge behalten. Die Nutzung von „Liquefied Natural Gas“ (LNG), also durch Kälte verflüssigtes Erdgas, sei für die nahe Zukunft der richtige Schritt. Eine emissionsfreie Schifffahrt sei zwar als Fernziel technisch denkbar, aber mit Blick auf Bestand und Zeitbedarf müsse man Realitätssinn bewahren. Weitere Informationen finden sie hier.

In der anschließenden lebendigen Debatte wurde deutlich, dass sich die Schifffahrt den Herausforderungen stellt und Lösungen entwickelt. Es habe lange gedauert, aber nun werde man auch handeln. Politisch immer wieder neu aufgelegte und zudem meist auch ideologisch geführte Debatten bremsen die dringend erforderliche technische Entwicklung und Forschung aber nur aus. Die Wirtschaft braucht Sicherheit.

Der Traum vom nahezu emissionsfreien Schiff könnte irgendwann wahr werden, wenn es wirtschaftlich Sinn macht und politisch gewollt ist, Ideen und Technologien gäbe es. Vielleicht trüge dies als Botschaft an die eher urbane, aufgeregte Öffentlichkeit zur Versachlichung der auf Kreuzfahrtschiffe und Hafenanlieger verengten Diskussion bei. Bis in die fernere Zukunft jedoch lässt also die „reine Wahrheit“ zugegeben noch etwas auf sich warten.

 

Text: Holger Schlüter

Fotos: MHF/Bunks; Hartmut Renzel