„Ich bin es leid!“ – Offener Brief von Prof. Dr. Michael Epkenhans an die Kritiker von Admiral Johannesson

Als Beamter und Fregattenkapitän d.R. bin ich zur Zurückhaltung in der Öffentlichkeit verpflichtet. Gleichwohl bin ich auch Staatsbürger – auch in Uniform – und Historiker, der wie alle anderen Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes jederzeit aufgrund von Artikel 5 des Grundgesetzes, Meinungsfreiheit, sich frei äußern darf. Von diesem Recht mache ich hiermit öffentlich Gebrauch, obwohl über mir das Damoklesschwert der Beschwerde bei meinen Dienstvorgesetzten hängt.

Warum wähle ich diesen Weg? Seit Anfang 2017 schießen drei Personen wöchentlich nach interner Absprache einen, wenn nicht zwei Torpedofächer ab – um im Marinejargon zu bleiben –, um Ministerium, Wehrbeauftragten, Verteidigungsausschuss, Petitionsausschuss, einzelne Parteien, Presseorgane, Stadtverwaltungen und -parlamente usw. in der Admiral-Johannesson-Frage in Stellung zu bringen. Die Ursachen dafür sind offenkundig teils politischer Natur, teils in einem moralisch-religiösen Rigorismus zu vermuten. In erster Linie geht es dabei um Stimmungen, denn neue Argumente, vor allem neue Quellen, legen sie dabei nicht vor. Im Gegenteil: falls möglich sollen wir, das ZMSBw [Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr], so die jüngsten Briefe, diese für sie besorgen. Das ist, wohlgemerkt, ihr gutes demokratisches Recht, auch wenn diese Briefe zur Sache kaum noch etwas beitragen. Dass die Entscheidung in der Johannesson-Frage das Ergebnis eines ausführlichen Diskussionsprozesses über Tradition und Erinnerungskultur war, in dem Vertreter verschiedenster Gruppierungen intensiv mit sich gerungen und am Ende mit Mehrheit eine Empfehlung abgegeben haben, interessiert dabei nicht: Mehrheitsentscheidungen gelten offenkundig ohnehin nur dann, wenn sie im eigenen Sinne positiv ausfallen, nicht, wenn man selber mangels guter Argumente in der Minderheit geblieben ist.

Ärgerlich an dieser Agitation ist jedoch, dass sich die Kritiker inzwischen auf mich persönlich eingeschossen haben, will sagen: Sie greifen mich in vielerlei Form persönlich an, schreiben Beschwerden aufgrund angeblicher Äußerungen, die ich nachweislich nie gemacht habe, an meinen Dienstvorgesetzten oder gleich an die Frau Ministerin bzw. beleidigen mich, wie jüngst erst, in mehrseitigen Briefen direkt. Wehre ich mich dagegen in einem Privatbrief, indem ich darauf hinweise, dass auch mir der Artikel 5 GG zusteht, dann werden diese Beleidigungen als „Satire“ verharmlost“, zugleich aber wird eine weitere Beschwerde bei meinen Vorgesetzten eingereicht. Zu den Absurditäten gehört auch, dass ich vor Kurzem aufgefordert worden bin, einen Vortrag, den ich in Abstimmung mit dem Fachreferat im BMVg im November über „Die Gründerväter der Bundeswehr“ in verschiedenen Orten halten und in dem ich auch ausführlich auf der Grundlage der verfügbaren Quellen über „Admiral Johannesson“ sprechen werde, zum Anlass genommen wurde, mich vertraulich zu bitten, diesen vorher rauszurücken, um damit ggf. im Vorfeld schon Stimmung machen zu können.

Dies alles ist nicht mehr akzeptabel! Ich bin dies alles unendlich leid! Dies gilt umso mehr, als die Kritiker meine Rolle im internen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess des BMVg völlig falsch einschätzen. Das ZMSBw trägt durch Recherchen in den einschlägigen Archiven nur die Fakten zusammen; die Bewertung ist alleinige Angelegenheit des BMVg. Dazu gibt es einen mehrstufigen Abstimmungsprozess, an dessen Ende die Entscheidung der Leitung des Hauses, nicht von mir als Leitendem Wissenschaftler des ZMSBw steht.

Und die Entscheidung im Fall „Johannesson“ ist – wie in ähnlichen Fällen auch – allein aus politischen Gründen wohl abgewogen und begründet, denn: wir streiten nicht über einen Mann, der ein überzeugter Nazi war, der Kriegsverbrechen im Sinne des Völkerrechts begangen hat und der in seinem Leben nichts dazu gelernt hätte. Wir streiten vielmehr über einen Mann, der, unbestritten, in einem bestimmten Moment aus Gründen, die wir angesichts fehlender Prozessakten letztlich nur grob kennen, fünf Todesurteile bestätigt hat. Diese hat er später bereut, wenn auch nicht öffentlich. Die Verbrechen der NS-Zeit waren für ihn aus politischen, moralischen und religiösen Gründen aber Anlass, aus tiefster Überzeugung aktiv am Aufbau eines demokratischen Staates und einer Bundesmarine, die sich am Ideal des Staatsbürgers in Uniform orientierte, mitzuwirken. Besonders wichtig war ihm, dass diese Marine aus der Vergangenheit lernte. Dabei hat er auch viel Selbstkritik geübt, Selbstkritik, die viele seiner Kameraden als Nestbeschmutzung betrachteten und die sie veranlasste, seine „Erinnerungen“ so gut es ging zu zensieren. Im Nachlass KzS Dr. Rahn kürzlich aufgefundene Briefe lassen Johannessons tiefe Verbitterung über die von anderen vorgenommenen „Fälschungen“, wie er schreibt, in den letzten Lebensjahren erkennen. Angesichts seines Lebensweges ist Admiral Johannesson ein gutes Beispiel für „gebrochene Biographien“. Deswegen – nicht um als „Held“ und „Vorbild“ verehrt zu werden –, steht er als Ergebnis eines ausgewogenen Abstimmungsprozesses in der Aula. Unsere Geschichte ist nun mal eine Geschichte der Um- und Irrwege.

Nachdem ich mich öffentlich – von einer Stellungnahme auf der MOV-Jahresversammlung 2017 abgesehen – zurückgehalten und Briefe, wenn überhaupt, in der Regel nur mit größter Vorsicht beantwortet habe, um kein Öl ins Feuer zu gießen, fordere ich die Kritiker angesichts ihrer nicht mehr akzeptablen Angriffe gegen meine Person hiermit öffentlich auf, damit aufzuhören, sich vielmehr dem von Anfang an mehrfach angebotenen wissenschaftlichen Diskurs zu stellen und demokratische Mehrheitsentscheidungen zu respektieren sowie das von ihnen selbst täglich beanspruchte, von den Gründervätern und -müttern des Grundgesetzes aber auch mir zugebilligte Recht auf freie Meinungsäußerung zuzugestehen. Sollten sie an ihrer Form der Auseinandersetzung festhalten, erweisen sie der Diskussionskultur in unserem Land einen Bärendienst und gießen Wasser auf die Mühlen jener, die ganz andere Ziele verfolgen.

 

Prof. Dr. Michael Epkenhans