Festrede am 2. Juni 2018 anlässlich 100 Jahre MOH/MOV durch den Abteilungsleiter Ausrüstung im BMVg, KAdm Dipl.-Ing. Carsten Stawitzki

Es gilt das gesprochene Wort!

„Es wird von einer Offensive gemunkelt.
Wir gehen zwei Tage früher als sonst an die Front.
Überall vorn brodelt es. In der ersten Nacht versuchen wir uns zu orientieren. Da es ziemlich still ist, können wir hören, wie die Transporte hinter der gegnerischen Front rollen, unausgesetzt, bis in die Dämmerung hinein. Kat sagt, dass sie nicht abrollen, sondern Truppen bringen, Truppen, Munition und Geschütze.
Die englische Artillerie ist verstärkt, das hören wir sofort. Es stehen rechts in der Ferne mindestens vier Batterien 20,5 mehr, und hinter dem Pappelstumpf sind Minenwerfer eingebaut. Außerdem ist eine Anzahl dieser kleinen französischen Biester mit Aufschlagzündern hinzugekommen.
Wir sind in gedrückter Stimmung. Zwei Stunden nachdem wir in den Unterständen stecken, schießt uns die eigene Artillerie in den Graben. Es ist das dritte Mal in vier Wochen. Wenn es noch Zielfehler wären, würde keiner etwas sagen, aber es liegt daran, dass die Rohre ausgeleiert sind. Sie streuen bis in unseren Abschnitt, so unsicher werden die Schüsse oft. In dieser Nacht haben wir zwei Verwundete.

Der Morgen graut, ohne dass etwas erfolgt. Nur immer dieses nervenzerreibende Rollen drüben, Züge, Züge, Lastwagen, Lastwagen, was konzentriert sich da nur? Unsere Artillerie funkt ständig hinüber, aber es hört nicht auf, es hört nicht auf – wir haben müde Gesichter und sehen aneinander vorbei … Der Himmel hängt tagsüber voll Fesselballons. Es heißt, dass von drüben jetzt auch hier Tanks eingesetzt werden sollen und Infanterieflieger beim Angriff. Das interessiert uns aber weniger als das, was von den Flammenwerfern erzählt wird.
Mitten in der Nacht erwachen wir. Die Erde dröhnt. Schweres Feuer liegt über uns. Wir drücken uns in die Ecken. Geschosse aller Kaliber können wir unterscheiden … Jeder greift nach seinen Sachen und vergewissert sich alle Augenblicke von neuem, dass sie da sind. Der Unterstand bebt, die Nacht ist ein Brüllen und Blitzen …
Mit einem Mal hören die nahen Einschläge auf. Das Feuer dauert an, aber es ist zurückverlegt, unser Graben ist frei. Wir greifen nach den Handgranaten, werfen sie vor den Unterstand und springen hinaus. Das Trommelfeuer hat aufgehört, dafür liegt hinter uns Sperrfeuer.
Niemand würde glauben, dass in dieser zerwühlten Wüste noch Menschen sein könnten, aber jetzt tauchen überall aus dem Graben die Stahlhelme auf, und fünfzig Meter von uns entfernt ist schon ein Maschinengewehr in Stellung gebracht, dass gleich losbellt …
Der Angriff ist da.“

Sehr geehrter Herr Admiral Nolting,
sehr geehrter Herr Admiral Krause,
Kameradinnen und Kameraden,
meine sehr verehrten Gäste,
meine Damen und Herren.

Dies waren – wie einige Kenner unter ihnen längst wissen oder zumindest vermuten – Worte von Erich Maria Remarque. Ein Auszug aus seinem weltweit bekannt gewordenen Roman „Im Westen nichts Neues“. Es erzählt die Geschichte des Ersten Weltkrieges aus der Sicht eines einfachen Soldaten.
Dieselben Ereignisse haben aus unterschiedlichen Perspektiven immer ihre eigenen Wahrheiten – wir erleben das auch heute wieder ganz aktuell. Da gibt es die großen Linien, die das Ganze vor den Teilen zeichnen … und es gibt aber eben und gerade auch die Wahrheiten des Einzelnen, der unmittelbar betroffenen – wenn vielleicht auch nur gefühlt.
Die Geschichte dieses Krieges, des Ersten Weltkrieges, kennt viele Geschichten … sie werden, gerade auch für die Generationen von heute, für uns, und die jungen Menschen, wir, uns alle, die wir das ja nicht selbst erlebt haben, die wir es ja aber meistens besser machen wollen, seit 2014 in allen damals beteiligten Nationen jedes Jahr erneut aufgegriffen, … 100 Jahre später … Verdun, die Somme, das Skagerrak … in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1916 …
Die retrospektive Bewältigung und Aufarbeitung, das Narrativ würden wir heute wohl sagen, wurde – dem Zeitgeist und der mangelnden Verfügbarkeit sozialer online-Dienste – zumindest im breiten öffentlichen Raum den Admiralen, Offizieren und Politikern überlassen – viele von uns werden Sie gelesen haben – die Alfred von Tirpitz Erinnerungen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Wieso – fragt sich der eine oder die andere unter Ihnen – nun aber ausgerechnet Remarque? Der Landkampf? Wir wollen heute, an diesem für uns besonderen Tag der Marine-Offizier-Vereinigung natürlich auch mal Nabelschau betreiben … das ist legitim und das ist schließlich auch nicht nur Segen.
Nun … Ein anderer, uns allen in Marineuniform viel vertrauterer einfacher Soldat hätte diese Zeilen in der Tat so oder vergleichbar auch zu Papier bringen können. Ich bin mir nicht sicher, wie vielen das von uns präsent ist. Ich spreche von Johann Wilhelm Kinau, der 1880 als Sohn des Hochseefischers Heinrich Wilhelm Kinau auf Finkenwerder geboren wurde, … wir alle kennen ihn unter dem Pseudonym „Gorch Fock“, der mit seinem Roman „Seefahrt ist not!“ 1913 zu frühem Ruhm gekommen war.
Auch er hatte 1915 den Einberufungsbefehl erhalten, aber … als Infanterist – auch wenn sein größter Wunsch war, zur Kaiserlichen Marine zu gehören.
Mit dem Reserveinfanterieregiment 207 kämpfte er zunächst auf dem Balkan, in Serbien – dann in Russland, und auch in der Nähe von Verdun.
Im März 1916 gelang es ihm endlich, sich vom Heer zur Marine versetzen zu lassen. Remarques Beschreibungen der Schrecken des Stellungskrieges im Westen stammen aus den späten Tagen … Johann Kinau wird sie so wahrscheinlich noch nicht erlebt haben – dafür aber dann auch die Seite des Seekrieges …
Im April 1916 kam Johann Kinau jedenfalls nach Wilhelmshaven – und aus seiner Sicht: endlich! Er wurde Besatzungsangehöriger des Kleinen Kreuzers SMS „Wiesbaden“, … Ausguck auf dem vorderen Mast.
Am 31. Mai 1916 nahm die „Wiesbaden“ mit der II. Aufklärungsgruppe unter Konteradmiral Friedrich Boedicker an der Skagerrakschlacht zwischen der deutschen Hochseeflotte und der britischen Grand Fleet teil.
Schon zu Beginn der Schlacht wurde der Kreuzer durch einen Volltreffer in den Maschinenraum manövrierunfähig geschossen.
Bewegungsunfähig geriet er deshalb immer wieder unter Feuer, erhielt später sogar einen Torpedotreffer im Heck.
Nach stundenlangem Todeskampf sank die „Wiesbaden“ in den ersten Morgenstunden des 1. Juni 1916
Johann Kinaus Leiche wurde im August 1916 nördlich von Göteborg, an Land getrieben. Auf der unbewohnten schwedischen Insel Stensholmen nördlich der Insel Kalvö wurde er zusammen mit weiteren deutschen und britischen Opfern der Skagerrakschlacht auf einem Soldatenfriedhof bestattet.
2016 hat der Kommandant der GORCH FOCK mit einer Abordnung unseres Segelschulschiffes seine Grabstätte besucht … und der verwitterte und deshalb ausgetauschte Gedenkstein hat in Mürwik am Gorch Fock Haus einen ehrenden Platz erhalten.
Was für Johann Kinaus Kameraden folgte, haben zahlreiche Historiker und Geschichtswissenschaftler in einer für mich sehr bewegenden und eindrucksvollen Ausstellung hier in Wilhelmshaven aber auch im Militärhistorischen Museum in Dresden in einem einzigartigen methodisch-didaktischen Ansatz aufgearbeitet: Die Flotte schläft im Hafen ein – der Kriegsalltag von 1914 bis 1918 in Matrosenbüchern.
Ich bin noch heute Matthias Rogg dafür dankbar, mich am 24. Juli 2015 in Dresden im MHM persönlich durch diese großartige Ausstellung begleitet zu haben, … genau so wie ich allen Autoren um Stephan Huck und Michael Epkenhans für die konstruktiv kritische Auseinandersetzung in den Essays zur Ausstellung danke.
Die Tagebücher von Carl Richard Linke und Richard Stumpf, beide Besatzungsangehörige des Linienschiffes HELGOLAND ermöglichen dem interessierten Leser von heute ein Nebeneinander der Sicht auf die gleichen Ereignisse aus unterschiedlichen Standpunkten heraus. Nicht nur in der Vertikalen – auch in der Horizontalen.
Und sie ermöglichen uns neben den existierenden Dokumenten und Zeugnissen um Max Reichpietsch und Albin Köbis heute eine weitergehende Reflektion der damaligen Ereignisse.
Sie machen uns in der ganzen Bandbreite der aufgegriffenen Aspekte eines deutlich:
Auch wenn Admiral Wellershoff, den ich zutiefst schätze, für sich und ich denke auch für viele der Generation unter uns etwas apodiktisch konstatierte: „Die Skagerrak-Schlacht sagt mir für meinen heutigen Auftrag nichts.“ – dann denke ich, sind wir uns alle einig, dass er dies ausschließlich im operativ-taktischen Sinne formulierte … vielleicht noch im strategisch-konzeptionellen.
Mit Blick auf das, was unserer aller vornehmste Aufgabe, unser höchstes Gut – nämlich die Führung unserer uns anvertrauten Kameradinnen und Kameraden betrifft, und damit vor allem, wie wir heute Führen und welche Haltung als Marineoffiziere wir an den Tag legen, war dieser Ausspruch sicherlich nicht gemeint.
„Nicht Schiffe kämpfen, sondern Menschen“ – zurecht steht unsere Schadensabwehr-Gefechtsdienstausbildung in Neustadt schließlich auch heute noch unter diesem Leitsatz für uns alle.
Ich bin also im Gegenteil zutiefst davon überzeugt, dass Admiral Wellershoff heute einmal mehr an unserer Seite stehen und uns zum kritischen Diskurs genau dazu auffordern würde, im Angesicht von Skagerrak und Matrosenaufstand –
Meine sehr geehrten Damen und Herren, Kameradinnen und Kameraden – die in diesem besonderen Jahr umso mehr zutiefst nachdenkenswerten Ereignisse des Jahres 1918, in denen die Geführten ihren Führern, Matrosen ihren Kapitänen und Admiralen die Gefolgschaft versagten, nehmen uns alle immer wieder in die Pflicht, … vor allem nicht nur heute und bei besonderen Anlässen, … wir sind jeden Tag gefordert … an unserem Platz.
Aber Sie sind auch nur dann wertvoll in der Erkenntnis für unser eigenes Handeln, wenn wir sie richtig einordnen und im großen Kontext und in ihrer Zeit erklären.
Wer glaubt, diese Vergangenheit besser abräumen zu wollen als sich ihr zu stellen, irrt: denn es kann nur der aus der Vergangenheit lernen, der sich mit ihr auseinandersetzt.
Dabei gilt es aus meiner Sicht vor allem die Balance zwischen Hochmut und Demut, also den Respekt vor dem Menschen, nie zu verlieren – in seiner gesamten Persönlichkeit – in seinem jeweiligen Tun und Handeln. Gerade die klassischen Epen vergangener Tage von der Antike bis zum Mittelalter lehren uns meist von der Tragik vieler Helden … es geht um Vorbildliches … nicht um die eine Lichtgestalt.
Das bewegt mich vor allem deshalb, weil mich in aktuellen Debatten zusehends das Gefühl beschleicht, dass bei uns, in unserer Bundeswehr und auch in unserer Marine Entscheidungen der Führung – ob militärisch oder politisch getroffen- die wir teilweise sogar selbst mit erlebt, vielleicht sogar mit gestaltet haben, im Kontext der aktuellen Rahmenbedingungen, die sich aber zum Teil fundamental geändert haben, leichtfertig in einer Art und Weise weggewischt oder bewertet werden, wie es mir weder angebracht noch sinnvoll erscheint.
Ich fühle mich gerade oft an Berthold Becht erinnert: in der Tat scheint das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden erstaunlich kurz zu sein.
Richtig bleiben aus meiner Sicht in der Tat zwei sehr einfach anmutende Fragen:
Wieviel Wahrheit braucht das morgen? Also wie gut sind wir eigentlich in dem, was wir heute „strategic foresight“ nennen? Da mag man aus Skagerrak und den Tirpitzschen Flottenbauplänen auch für das eigene Denken und Handeln heute noch eine Menge Schlussfolgerungen ziehen!
Aber auch:
Wieviel Wahrheit verträgt das heute? Oder wie bereit sind wir eigentlich, aus den möglichen Szenaren und deren Eintrittswahrscheinlichkeit von morgen dann auch schon bereits im Heute die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen und dann auch konsequent deren Auswirkungen auf uns zu nehmen … gerade dann, wenn es bedeutet, sich aus seiner Komfortzone zu begeben.
… und das in Zeiten, in denen wir – trotz aller Herausforderungen und Unwägbarkeiten – doch vergleichbar dankbar sein dürfen, verglichen mit den Generationen unserer Väter und Großväter … auch für uns in unserer Profession als Marineoffiziere.
Der Erste Weltkrieg sollte das Schicksal der Menschheit, nicht nur in Europa, sondern weltweit das ganze 20. Jahrhundert prägen und bestimmen.
Und deshalb wird er von den Historikern treffend, vor allem aber mahnend, als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet.
Die Schrecken eines solch entfesselten, eines industrialisierten Krieges … sei es der durch die Erfindung chemischer Waffen (Giftgas) und der durch den Einsatz moderner Artillerie und Maschinengewehre gekennzeichnete und eingangs von Remarque beschriebene Stellungskrieg … oder sei es das Inferno der größten Seeschlacht aller Zeiten, die mit wenigen Ausnahmen der jungen Torpedowaffe mit Artillerietragenden Stahlkolossen ausgetragen wurde.
Sie brachte Menschen in Grenzerfahrungen! Zu solchen Grenzerfahrungen gehört im Übrigen auch das immer wieder auf den nächsten Schlagabtausch zur Unerträglichkeit werdende, schlichte Warten.
Die als „Verlorene Generation“ bezeichneten Veteranen dieses Krieges konnten ihrer Gewalterfahrung kaum entrinnen.
Seit Jahren erleben wir nun gemeinsam, dass sich unsere Hoffnungen mit dem Ende des Kalten Krieges als vordergründig erwiesen haben.
Mehr noch könnten wir sogar befürchten, dass sich eine neue Form industrialisierter Kriegführung mit ungeheurem Gefährdungspotential herauskristallisiert. Was mit „Feuerwalze“, „Trommelfeuer“ und „Giftgas“ vor etwa einhundert Jahren begann, setzte sich mit nuklearen Massenvernichtungswaffen fort.
Und schon im greifbaren Morgen mögen „Künstliche Intelligenz“, „Digitale Kriegführung“ und „Autonome Waffensysteme“ Menetekel einer völlig neuen Qualität einer entgrenzten Gewaltanwendung sein.
Wir leben in Zeiten, in denen weltweit tausende Soldaten aus unseren Nationen an internationalen Einsätzen teilnehmen,
in denen sie ihre physische und psychische Gesundheit, ihr Leben, einsetzen.
Da sich die Gewaltanwendung heute aber auf meist nur wenige „Gewaltexperten“ von uns im Kontext des vernetzten Ansatzes beschränkt, stellt sich berechtigterweise die Frage, wie die Gesellschaft damit umgeht … und wie wir, als Vorgesetzte und Führer damit umgehen.
Als Marineoffizierkorps von heute, als Soldaten dieser Bundeswehr, einer Armee in der Demokratie, einer Parlamentsarmee und einer Armee mit dem ethischen Gerüst der Humanität, wie es in unserem Wertekanon der Inneren Führung niedergelegt ist, sind wir für diese Aufgabe im Kern mit einem Kompass ausgestattet, der es uns allen jeden Tag erlaubt, den uns anvertrauten im Sinne unseres Auftrages Halt zu geben und Haltung zu zeigen.
Das kann man alles sehr groß sehen – für mich haben schon immer nur einfache Dinge zum Erfolg geführt.
Unser Zentrum Innere Führung in Koblenz hat das im sog. Koblenzer Entscheidungscheck versucht, auf fünf einfache und griffige Formeln zu bringen – für den Matrosen, genauso wie für den Admiral.
• Prüfung der der Rechtmäßigkeit – erfülle ich alle rechtlichen Vorgaben (Straftaten, Stauffenberg)
• Feuer der Öffentlichkeit – Kann mein Handeln getrost in den Medien gezeigt werden?
• Wahrhaftigkeitstest – Kann ich es hinterher mit gutem gewissen meiner Familie und meinen besten Freunden erzählen?
• Die Goldene Regel – „Was Du nicht willst das man Dir tu, das füg nicht deinem nächsten zu.“
• Kategorischer Imperativ – Sollte mein Handeln für alle eine zukünftige Regel werden? Könnte meine Entscheidung die Basis einer allgemein-verbindlichen Gesetzgebung sein?
Meine Sehr geehrten Damen und Herren,
wenn Sie an diesen fünf einfachen Leitfragen aktuelle Ereignisse in unserer Bundeswehr von heute in ihrer ganzen Bandbreite einmal spiegeln, von Sturmhauben und Osterhasen, über Munster und Pfullendorf, vom Eurohawk bis zu unserer Gorch Fock… Sie kommen vielleicht zu dem gleichen Ergebnis, wie ich, die mit der Frage endet, ob die Handelnden den Koblenzer Entscheidungscheck kannten, geschweige denn verinnerlicht hatten … ich lege ihn jedenfalls uns allen für die Zukunft ans Herz.
Vielleicht stehen wir uns dann mit dem uns zustehenden Selbstbewusstsein im Sinne einer Verantwortungskultur, nicht einer Fehler- und Schuldkultur, auch nicht mehr ein Stück weit selbst im Wege, weil wir die Leichtfertigkeit unseres Seins verloren haben.
Sehr geehrter Herr Admiral Nolting –
Wir blicken in diesem Jahr auf 100 Jahre MOV! 100 Jahre Geschichte einer Wertegemeinschaft, in der sich das gleiche widerspiegelt, wofür auch unsere Marine steht, die in diesem Jahr am 14. Juni den 170. Gründungstag der ersten Deutschen Flotte von 1848 feiert – unter Schwarz-Rot-Gold, von Parlamentariern ins Leben gerufen, als Reichsflotte.
Unsere Marine und ihre Angehörigen sah Höhen und Tiefen.
Ihre Geschichte ist bestimmt von Kontinuität und Diskontinuität, von Linien und Brüchen.
Das ist unser Erbe, mit allen Facetten!
Wer von den heutigen sozialen Netzwerken wird wohl seinen hundertsten Geburtstag feiern können?
In dem von mir geschilderten Kontext ist es aus meiner Sicht wenig verwunderlich, dass sich die MOV (wie von Admiral Nolting bereits ausgeführt) eben zunächst in der MOH in Wilhelmshaven als eine Notgemeinschaft, zur Unterstützung von Offizieren gründete, die wegen der von den Siegermächten am Ende des Ersten Weltkrieges erzwungenen Auflösung der Kaiserlichen Marine entlassen werden mussten. Mit einem Netzwerk sollten durch kameradschaftliche Selbsthilfe Wege ins Zivilleben zum Aufbau neuer wirtschaftlicher Existenzen erschlossen werden.
In ihrem Gründungstag durch Fregattenkapitän Georg Freiherr von Bülow am 12. November 1918 könnte man kritische Geschichtsreflexion und ungeahnte Fähigkeiten eines „strategic foresight“ vermuten – aber dies scheint mir doch eher abwegig.
Mit dem Zusammentreffen von Scharnhorsts Geburtstag, der in der Tat bewusst für den Gründungstag der Bundeswehr gewählt wurde, ist aber der Gründungstag der MOH/MOV umso mehr für uns alle von großer Symbolkraft … und sollte uns Verpflichtung sein.
Ganz im Sinne von Scharnhorsts Denken und Handeln.
Verantwortung heißt – sich der eigenen Geschichte zu stellen, selbstbewusst.
Und wir, wir alle sind ein Teil dieser Geschichte und dieses Selbstverständnisses … und wir alle werden sie gemeinsam fortschreiben!
Nicht mit Demut, nicht mit Hochmut – mit Mut.
„Der Mut, den wir einzig und alleine brauchen, ist das Resultat der Liebe, der Pflicht, des Rechtsgefühls, der Begeisterung und der Ehre. Er ist nicht angeboren, sondern er wird, er wächst!“
Mit diesen Worten Theodor Fontanes möchte ich gemeinsam mit Ihnen auf unseren gemeinsamen Geburtstag anstoßen:
Ich wünsche der MOV den Mut, auch die nächsten hundert Jahre einem einfachen Wertekompass zu folgen, unbequeme Wahrheiten anzusprechen, günstige Winde zu nutzen und vor allem aber zueinander zu stehen und sich zu helfen.
Dazu gehört es eben auch, Farbe zu bekennen!
Auch in einer Organisation
… zu dem was wir sind: Weltoffene und aufgeklärte Führungskräfte und Seeleute, die in ihrer Profession mit den ihnen anvertrauten Männern und Frauen jeden Tag auf das neue in der erste Reihe antreten wollen und werden, wenn das Parlament es von uns verlangt, so wie es nun seit über hundert Jahren im Eingangsportal unserer alma mater geschrieben steht:
„Den Frieden zu wahren, gerüstet zum Streit, mit flatternden Fahnen, im eisernen Kleid, so tragt deutsche Schiffe von Meere zu Meer, die Botschaft von Deutschland, den Frieden umher.“