Vom 08.-10. Januar fand in Linstow in mecklenburg Vorpommern die 59. Historisch Taktische Tagung der Marine statt.

59. Historisch-Taktische Tagung (HiTaTa) der Marine „See. Krieg. Führung. –Operativ-strategisches Denken in Deutschen Marinen“.

Vom 9. bis 10. Januar 2019 fand in Linstow bei Rostock mit mehr als 500 Teilnehmern die 59. Historisch – Taktische -Tagung der Marine statt. In seiner Begrüßungsansprache umriss der Stellvertreter des Inspekteurs der Marine, Vizeadmiral Rainer Brinkmann, Anlass und Ziel der Thematik „See. Krieg. Führung als Grundlagen operativ- strategischen Denkens in Deutschen Marinen“, welche in neun Vorträgen erörtert wurden. Admiral Brinkmann ging davon aus, dass die militärisch flankierte Machtpolitik Russlands und die tektonischen Verschiebungen in der Sicherheitsarchitektur zu einer Refokussierung auf die Erfordernisse der Landes- und Bündnisverteidigung geführt haben. Es scheint jedoch eine Standortbestimmung im Kontext der Bündnisverteidigung aus Sicht der Marine deutlich einfacher zu sein als eine Orientierung in den Nebeln der Landesverteidigung. Blaupausen und Schablonen der Vergangenheit bemühen zu wollen, scheitert bereits schon daran, dass sich die Rahmenbedingungen heute wesentlich verändert haben.
Auf die Thematik der 59. HiTaTa hinlenkend stellte er fest:
„Die Situation verlangt, unser Augenmerk wieder zunehmend auf operativ-strategische Themen zu richten, was bedeutet , dass das „High End“ unseres Berufes, die Fähigkeit zur Seekriegsführung wieder mehr ins Blickfeld zu rücken ist. „Seekriegführung“ ist eine Zusammensetzung aus den Begriffen „See“, „Krieg“ und „Führung“. Dabei bezeichnet „See“ unsere ureigenste Domäne, nämlich den Raum. „Krieg“ als zweites Kompositum darf man heute allein kaum in den Mund nehmen. Krieg ist aber letztlich auch ein Wesensmerkmal unseres Berufes und steht für das scharfe Ende unseres Auftrages, wenn jedes andere Bemühen um Interessenausgleich und Friedenswahrung gescheitert ist. So wenig wir alle den Krieg wünschen, so sehr müssen wir auch für den Kampf vorbereitet sein. „Führung“ als letztes Kompositum von Seekriegführung integriert das Verständnis von Raum, Zeit und Kräften, das Verständnis der Lage, der Risiken und der geltenden Bedingungen, mit dem eigenen Auftrag zu einem zielgerichteten, konzentrierten Handeln. Es ist die Kunst, die Gegenwart in Hinsicht auf eine angestrebte Zukunft zu verändern.
Aus der Perspektive der Seekriegführung wird auf dieser HiTaTa das operativ-strategische Denken in den deutschen Marinen betrachtet.“

Mit dem Vortrag „Wahn. Weitsicht. Wirklichkeit. – Deutsche Marinen im Lichte seestrategischer Denkschulen“ bot der Kommandeur des Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften, Kapitän zur See Dr. Jörg Hillmann eine Einführung. Er beschrieb damit so zu sagen das Bühnenbild, vor dem dann von 1848 bis 1945 die unterschiedlichen Szenen deutscher Marinegeschichte aufgeführt wurden. Mal folgte die strategische Ausrichtung der Flotte einer zu Bescheidenheit mahnenden Außenpolitik, mal dem nach Weltmacht strebenden kaiserlichen Willen oder dem großen Ziel einer die europäische Halbinsel schützenden Nachkriegsflotte.

Die folgenden Vorträge standen unter dem Präfix „Sea – Learning“ reflektierten unterschiedliche Vorgehensweisen, die See zu verstehen und Ableitungen zu treffen:
Im Vortrag „Sea – Learning: Lernen aus der Niederlage – Die Reichsmarine und das Admiralstabswerk“ analysierte Oberleutnant zur See Paul-Patrick Schröder M.A. die systematische Auswertung und Analyse eigener Kriegserfahrungen im Admiralstabswerk. Er zeigte die unterschiedlichen Einflüsse und Einflussnahmen auf, die dabei wirksam wurden. Vortrag
Der Vortrag “Sea –Learning: Kriege als Katalysatoren – Tsushima und Falkland“ von Kapitänleutnant Christian Greger M.Sc. beschäftigte sich mit den Möglichkeiten aus diesen Seegefechten, die 1905 und 1914 fern von den Heimatbasen der daran beteiligten Schiffe geführt wurden. Mangelhafte Force Integration sowie unterlegene Technik machten in beiden Schlachten den Unterschied. Vortrag
Zum Thema „Querschüsse – Querdenken –Kurswechsel: Die Denkschriften des Wolfgang Wegener“ referierte Kapitänleutnant Martin Möde M.Sc.. Er zeigte auf, welchen Einfluss Querdenker hatten, die sich keiner Deutungshoheit unterwarfen, sondern eigene Analysen angestellt und Schlüsse gezogen haben. So konnte er darlegen, wie der Korvettenkapitän Wolfgang Wegener bereits 1915 in seinen Denkschriften weitreichende seestrategische Folgerungen abgeleitet hatte und damit den Fehleinschätzungen der Tirpitz’schen Doktrin eine ganz eigene Bewertung als mutigen Gegenentwurf entgegengestellt hatte. Vortrag
In die Geschichte der Bundesmarine führte dann der Vortrag von Kapitänleutnant Christian Ostermann M.A.
„Querschüsse –Querdenker –Kurswechsel: Die Sylter Flotte des Jimmy Mann“. Vizeadmiral Hans Joachim Mann, nahm 1991 zu Beginn seiner Verwendung als achter Inspekteur der Marine eine entscheidende Kursänderung vor, die als „Sylter Flotte“ bekannt wurde. Das fiel in eine Zeit verteidigungspolitischer Orientierungslosigkeit und man warf Admiral Mann oft vor, „Du bist zu schnell“ .Der Referent stellte sich die Frage: War Jimmy Mann, so der Spitzname des damaligen Inspekteurs, Visionär, Querdenker oder Kurswechsler? Vortrag
Das führte zu lebhaften Diskussionen von Tagungsteilnehmer aus den ersten Reihen, die damals als Zeitzeugen an diesen Vorgängen beteiligt, oder sie miterlebt hatten.

In den letzten drei Beiträgen wurde illustriert, was es bedeutet, Räume zu verstehen, zu organisieren und zu entdecken.
„Räume organisieren: Seestrategische Überlegungen beim Aufbau der Bundesmarine“ war das Thema des Referates von Oberleutnant zu See Ronny Kaatzke. Er beschäftigte sich mit der Zeit des Aufbaus der Bundesmarine und zeigte, in welche Räume die noch jungen Bundesmarine vorzustoßen gedachte. Hierbei betrachtete er das Binnenmeer Ostsee aus strategischer Sicht und stellte Optionen des Handelns in der Entstehungsphase der Bundesmarine dar. Vortrag
Frau Oberleutnant zur See Lisa Braun M.Sc. stellte zum Thema: „Räume verstehen: Die Renaissance des Con MarOps“, die operativ strategischen Prinzipien des aus dem Kalten Kriege entlehnten ConMarOps der NATO vor. Sie ging dann der Frage nach, ob und in welcher Weise diese Prinzipien heute eine Wiedergeburt erfahren können. Vortrag
Der Vortragszyklus wurde beendet mit dem Beitrag von Oberleutnant zur See Nicolas von Kevelaer M.Sc.
„Räume entdecken: Seestrategie und digitales Zeitalter“. Wir stehen heute gewissermaßen am Vorabend einer technologischen Zäsur. Das digitale Zeitalter wandelt unsere Welt und unsere Gesellschaft in immer schnelleren Schritten. Diesen Wandel müssen wir verstehen und uns kurz- oder langfristig auf Änderungen einstellen. Das gilt auch für das maritime Umfeld. Der Schritt zur digitalen Seekriegsführung darf nicht verpasst werden. Es bedarf proaktiven Handelns, uns davor zu bewahren, hinter unseren Partnernationen und anderen Nationen dieser Welt zurückzubleiben. Damit behandelte der Referent Fragen nach Implikationen des digitalen Zeitalters für die Seekriegführung, nach Veränderungen im maritimen Raum und welchen Herausforderungen wir uns gegenüber stehen. Vortrag
Der offizielle Teil der HiTaTa endete mit der Schlussansprache des Stellvertreters des Inspekteurs der Marine und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte, der Danksagung der Ehemaligen, einem Beitrag des Militärdekans und der traditionellen Ansprache des Inspekteurs der Marine.

Text: Dr. Heinrich Walle
Fotos: Bundeswehr/PIZ Marine; Steve Back