Wir über uns Termine und Beiträge Bibliothek Bildergalerie Links Kontakt
Startseite Termine und Beiträge Beiträge 2017

Termine und Beiträge


Termine 2017 Beiträge 2017 Beiträge 2016 Beiträge 2015 Beiträge 2014 Beiträge 2013 Beiträge 2012 Beiträge 2011 Beiträge 2010

Marineglossar Abkürzungsverzeichnis download flyer Letzte Änderung Impressum

„Raison d’être und Realität – Die Marine im Spannungsfeld zwischen konzeptionellem Anspruch und operativem Ansatz“, eine HiTaTa besonderer Art.

Zur 57. Historisch Taktischen Tagung (HiTaTa) der Marine trafen sich vom 10. bis 12. Januar 2017 rund 600 aktive und ehemalige Marineoffiziere, sowie geladene Gäste im Ressort Linstow bei Rostock.
In seiner immer wieder von geistreichen bon mots gewürzten Begrüßungsansprache erläuterte Vizeadmiral Rainer Brinkmann, Stellvertreter des Inspekteurs der Marine , Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte, als Gastgeber das zugegebener Maßen „akademisch-schwülstig genug formulierte Thema“.

Es sollte in den Vorträgen das Spannungsfeld konzeptioneller Überlegungen und Planungen untersucht werden, das auf sicherheits- und bündnispolitischen Erwägungen, auf finanzplanerischen Analysen und demographischen Rationalen beruht. Kurzum, es geht um die Frage, ob das, was wir in der Realität, im Flottenalltag, erleben, auch zu dem passt, was wir einmal geplant hatten. Die gegenwärtige, ausgewogene Flotte scheint eine Miniaturisierung dessen zu sein, was in Zeiten des Kalten Krieges unterhalten wurde. So stellt sich die aktuelle Frage, ob die gegenwärtige Flotte jenseits der Krisenintervention eigentlich zu den Erfordernissen einer Landes- und Bündnisverteidigung passt. Dafür Antworten zu finden, dient ein Rückblick in die Geschichte deutscher Marinen, wobei das Augenmerk darauf zu legen ist, ob und wie sich Konzeption und tatsächlicher Einsatz deckten. Aus Beispielen wofür deutsche Marinen geplant und wozu sie dann eingesetzt wurden, sollen Erkenntnisse für Gegenwart und Zukunft gewonnen werden.

Nach Begrüßung der Teilnehmer ergriff der Parlamentarische Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung, Markus Grübel, das Wort.
Er stellte fest, dass aus der gewachsenen Zahl an sicherheitspolitischen Herausforderungen für uns als Macht in der Mitte Europas die Pflicht besteht zur Übernahme von Verantwortung für die Wahrung von Sicherheit, Freiheit und Wohlstand unseres Landes und unserer Bündnispartner. “Deutschland ist bereit, diese Verantwortung zu übernehmen!“ Notwendigkeit und Auftrag der Marine skizzierte er: „Ob im Mittelmeer, am Horn von Afrika, in der Nord- und Ostsee: Die Deutsche Marine ist unentbehrlich für die Bewältigung der sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer bewegten Zeit.“ Das Ergebnis der Tagungsbeiträge vorwegnehmend betonte er: „Zwischen konzeptionellem Anspruch und harter Einsatzrealität leisten Sie mit Ihren Männern und Frauen Tag für Tag einen bedeutenden Beitrag für die Sicherung unseres Landes.“
Zu den materiellen Voraussetzungen bemerkte er:
„Und gutes Personal hat Anspruch auf gute Ausrüstung, sonst ist die Bundeswehr weder attraktiv noch einsatzbereit. Wir brauchen daher eine strukturgerechte Ausstattung und gesicherte Verfügbarkeit von militärischem Großgerät und militärischer Ausrüstung. Vor diesem Hintergrund wird die Marine auch fünf neue Korvetten erhalten.“

Der Zyklus der Vorträge begann mit dem Vortrag zum Thema „Wollen, aber nicht können? – Der Tirpitzplan, seine Kritiker und die Realität“. Oberleutnant zur See Alexander Rascher untersuchte in diesem ersten Beitrag die Intentionen, die Alfred von Tirpitz, seit 1897 Staatssekretär im Reichsmarineamt, mit dem Bau seiner großen Flotte verfolgte und welche politischen und strategischen Konsequenzen sich daraus ergaben. In der Analyse des Scheiterns des Tirpitzplanes behandelte der Vortragende die Fragen, was wollte und was konnte der Großadmiral mit diesem Seekriegspotential erreichen.

Der nächste Beitrag von Oberleutnant zur See Tim Schwanbeck zum Thema „Wollen, aber nicht dürfen? – Die Reichsmarine“ . befasste sich besonders mit den mentalen Folgen der Niederlage im Ersten Weltkrieg, den personellen und materiellen Beschränkungen des Versailler Vertrages sowie den Verstrickungen der Reichsmarine in den Kapp-Putsch von 1920. Der Verfasser skizzierte die konzeptionelle Entwicklung der Reichsmarine zwischen Küstenverteidigung in der Ostsee und einem zu Ende des 1920er Jahre entwickelten Szenario eines gegen Frankreich gerichteten ozeanischen Kreuzerkrieges. Der Autor untersuchte, in welcher Weise der Drang nach Ehre und Vergeltung Einfluss auf den operativen Ansatz und die Ausrichtung der Reichsmarine hatte, d. h. er zeigte auf, worin das Wollen dieser Reichsmarine bestand und worin es aus personellen und materiellen Gründen seine Grenzen fand. Ein kurzer Abriss der weiteren Entwicklung der Marine von der Machtergreifung der Nationalsozialisten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 beendeten seine Ausführungen.

Im dritten Vortrag referierte Frau Kapitänleutnant Luisa Winkler zum Thema: „Beschwerlicher Neubeginn – im Ringen um eine konzeptionelle Ausrichtung am Anfang der Bundesmarine“. Die Thematik befasste sich mit der Gründungsgeschichte der Bundesmarine bis 1967. Durch nicht wenige Tagungsteilnehmer, die als junge Offiziere am Aufbau unserer Marine mitgewirkt hatten und nun als Zeitzeugen anwesend waren, hatte dieser Vortrag eine besondere Aktualität. Die Ausführungen von Frau Winkler beruhten nicht nur auf der bereits erschienen Fachliteratur sondern vor allem auch auf den Aussagen von Zeitzeugen, wobei die Referentin alle Aussagen quellenkritisch zu würdigen verstanden hatte. So skizzierte sie die Vorgeschichte der Gründung der Bundesmarine und legte dann einen Akzent auf die Darstellung des konzeptionellen und operativen Ansatzes in der Frühphase der Bundesmarine. Hier lag der Schwerpunkt zunächst auf der Verteidigung der Ostseezugänge, der schleswig-holsteinischen Ostseeküste und der dänischen Inseln im Rahmen des nordatlantischen Bündnisses. Die Referentin berichtete dann über die weitere Entwicklung der Bundesmarine vor dem Hintergrund eine sich verändernden strategischen Lage. Das Faszinosum dieses Vortrages war aber, wie Frau Winkler der Frage auf den Grund ging, in welchem Spannungsfeld konzeptioneller Anspruch und operative Einsatzrealität in dieser ersten Phase der neuen Deutschen Marine standen. mehr [440 KB]

„Wollen oder müssen? – Die Volksmarine und ihre Rolle im Warschauer Pakt“ lautete das Thema des vierten Vortrages von Oberleutnant zur See Thomas Seifert. Die Seestreitkräfte der Nationalen Volksarmee der DDR erhielten 1960 den Namen „Volksmarine“. Damit existierte eine zweite deutsche Marine. Der Referent beleuchtete den politischen und konzeptionellen Rahmen des Aufbaus und der weiteren Entwicklung der Volksmarine. Er zeigte deren Stärken und Schwächen sowie ihre Rolle im maritimen Gefüge des Warschauer Paktes. Infolge der Beschränkung ihres Operationsgebietes auf die Ostsee, sollte die Volksmarine im Kriegsfall die Seeverbindungswege für sowjetische Verstärkungen freihalten und sich an offensiven Operationen gegen die norddeutschen Küsten beteiligen. Die Volksmarine entwickelte im Lauf der Zeit beachtliche taktische und operative Fähigkeiten. Auf die Fragestellung „Wollen oder müssen?“ vermochte der Vortragende nur eine geteilte Antwort zu geben. Das „Müssen“ war eindeutig festgelegt, allerdings bestanden beim „Wollen“ hinsichtlich von Personal, Material und Ideologie eine Reihe von Einschränkungen.

In der sich anschließenden Diskussion meldete sich Vizeadmiral a.D. Hendrik Born, letzter Oberbefehlshaber der Volksmarine, zu Wort und stellte als Zeitzeuge fest, dass dieser Beitrag insgesamt gelungen und die Rolle der Volksmarine im Kalten Krieg, sowie im Warschauer Pakt treffend beschrieben wurde. Admiral Born widersprach aber einer Schlussfolgerung des Vortragenden, dass die Volksmarine der bewaffnete Arm der SED gewesen wäre. Zweifellos gab die SED als alleinige politische Kraft im Lande die Ziele auf allen Gebieten der Landespolitik vor und überwachte deren Umsetzung. Die Ministerien waren sozusagen „Fachorgane“ zur Umsetzung der von der Partei gestellten Aufgaben.
„Insofern war natürlich auch die NVA eine ‚professionelle Organisation‘, die nicht von Parteifunktionären geführt wurde, sondern von hochqualifizierten Berufssoldaten. Der Fahneneid wurde nicht auf die Partei oder den Parteivorsitzenden, sondern auf die DDR geleistet. Der Verteidigungsauftrag an die NVA wurde in der Verfassung der DDR und nicht im Parteistatut festgelegt.“ Mit diesem Statement des letzten Befehlshabers der Volksmarine hat der Zeitzeuge Hendrik Born dargelegt, dass letztlich viele Ehemalige der Volksmarine keine Verteidiger des Kommunismus gewesen sind, wie andererseits die Angehörigen der Kriegsmarine auch nicht ursächlich Verteidiger des Nationalsozialismus waren.

Im fünften Vortrag: „Wollen, Dürfen, Können? – Die Bundesmarine im Kalten Krieg der 70er und 80er Jahre“ zeichnete Oberleutnant zur See Florian Lobitz ein Panorama der 70er und 80er Jahre bis zur deutschen Wiedervereinigung. Es war eine Epoche die durch den Kalten Krieg und die Ost-West-Konfrontation geprägt war. So wurde die sich wandelnde strategische Bedrohung durch den Warschauer Pakt, die Reaktion der NATO und die hieraus resultierenden Folgen für die Konzeption der Bundesmarine von den 1970er Jahren bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 geschildert. Lag ursprünglich der strategische Schwerpunkt in der Ostseeverteidigung, so strebte die Bundesmarine langfristig eine Beteiligung an den Sicherungsaufgaben in der Nordsee und im Atlantik an. Diesen Bestrebungen stellte sich das immer noch erschütterte Vertrauen der Bündnispartner, durch das Bündnis festgelegte geographische Einsatzgrenzen und rüstungspolitische Restriktionen hartnäckig in den Weg. Erst in den 1980er Jahren konnte sich die Bundesmarine innerhalb der nordatlantischen Allianz zu einem vollwertigen Partner im NATO-Nordflankenraum entwickeln.

Im Abschlussvortrag zum Thema „Alle machen mit! – Landes- und Bündnisverteidigung als ganzheitlicher Ansatz“ machten Kapitänleutnant Henning Jürgensen deutlich, dass Landes- und Bündnisverteidigung zwar militärische Begriffe und Kategorien sind, dass jedoch die eigene Sicherheit in Gegenwart und Zukunft umfassender und ganzheitlicher gedacht werden muss. Der Vortragende untersuchte, wie sich die Bundeswehr, die zivilen Behörden und die Bundesregierung in den 1980er Jahren auf einen möglichen Angriff des Warschauer Paktes vorbereitet hatten. Dabei konnte der Referent einen ganzheitlichen Ansatz der Landesverteidigung erkennen. Heute werden durch das neu aufgelegte „Zivilverteidigungskonzept“ Maßnahmen, wie Vorratshaltung und Zivilschutz wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Damals in den 1980er Jahren ging es um die Vorbereitung auf einen konventionellen oder atomaren Krieg, heute stehen asymmetrische Bedrohungen oder Naturkatastrophen im Mittelpunkt. Zivil- und Katastrophenschutz sind nahe Verwandte einer Landes- und Bündnisverteidigung.

In seiner Abschlussrede bedankte sich Admiral Brinkmann bei den Referenten und fasste das Ergebnis aller Vorträge in vier gegenwartsbezogenen Kernaussagen zusammen: Marine zu denken ist mehr als nur schmückendes Beiwerk einer kontinentalen Politik. Sie muss auf einer konzeptionellen Planung beruhen, deren Grundlage die Verortung militärischer Mittel in einem politischen Koordinatensystem ist. Daraus leiten sich Aufgaben und Mittel zur Durchführung ab.

Planung bedarf klarer Analyse und setzt die Einbeziehung aller relevanten Faktoren von Möglichkeiten des Handelns Dritter und Eventualitäten voraus.

Nach den katastrophalen Niederlagen der beiden Weltkriege fand das eigene Wollen seine Grenzen in den Interessen der Bündnisse. Die konzeptionelle Einpassung der Marinen in die Bündnisse setzte zunächst zwar Grenzen. Andererseits garantierte sie jedoch eine abgestimmte Ausrichtung im Sinne des Dürfens. Sie kompensierte eigene Schwächen und ermöglichte später eine faktische Positionierung im Sinne des eigenen Wollens.

Die heute von uns unterhaltene ausgewogene Flotte bietet ein breites Spektrum an Fähigkeiten, im multinationalen Kontext einen Beitrag in allen Spielarten moderner Seekriegführung zu leisten. Selbstverständlich ist sie auch für die Landes- und Bündnisverteidigung einsetzbar. Ihre qualitativen und quantitativen Ausprägungen bedürfen einer weiteren Analyse.



Text: Dr. Heinrich Walle
Fotos: PIZ Marine, Mathias Letzin

Diese Seite teilen

Druckbare Version