Vom 10. Janurar bis 11. Januar fand in Linstow die jährliche Historisch - Taktische Tagung der Marine statt.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, bei seiner Rede auf der HiTaTa 2018.v.l.n.r. Vizeadmiral Rainer Brinkmann, Bundespräsident Frank walter Steinmeier und Vizeadmiral Andreas Krause.

58. Historisch Taktische Tagung (HiTaTa) der Marine

Mit 630 Teilnehmern hatte die 58. Historisch Taktische Tagung der Marine (HiTaTa), die vom 9. bis 11. Januar 2018 in im Ressort Linstow bei Rostock stattfand, einen bisher unübertroffenen Höchststand erreicht. “Menschen in Grenzsituationen – Handeln und Führen im Widerstreit von Moral und Maßgabe, Wahrnehmung und Wirklichkeit“ war das Leitthema, unter dem Beispiele aus der Vergangenheit deutscher Marinen vom 19. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart in neun Vorträgen vorgestellt wurden.

Besonderer Höhepunkt war die Teilnahme von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Noch nie zuvor war zu der traditionsreichen Veranstaltung der Marine ein Bundespräsident gekommen.

In seiner Eröffnungsansprache betonte der Stellvertreter des Inspekteurs der Marine und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte, Vizeadmiral Rainer Brinkmann, dass Grenzsituationen etwas Außergewöhnliches bezeichnen und Situationen kennzeichnen, die einen unterschiedlichen Ausgang nehmen können.
„Das sind auch Situationen, worin sich eine unermessliche Fülle von Geschehnissen, Bedingungen und Motiven in die engste Spanne von Zeit zusammendrängen. Als Soldaten müssen wir uns aber regelmäßig und vor allem in unvorhersehbaren, krisenhaften Situationen beweisen. Das sind Lagen von weitreichender, manchmal existentieller Bedeutung. Sie betreffen häufig das Wohl und die Unversehrtheit Dritter. Diese Grenzsituationen können recht unterschiedlich sein: Nautisch-seemännische, moralisch-ethische , soziale und mediale, technisch oder betrieblich bedingte Grenzsituationen. Charakteristisch für solche Situationen sind zwei weitere Dinge: Einmal entbehren diese Lagen der Planbarkeit und können nicht schablonenhaft nach Gewohnheit bewältigt werden. Zum anderen ist hier der militärische Führer und Vorgesetzte immer gezwungen zu handeln. Er kann sich dem Druck der Gegebenheiten nicht entziehen.“
Unter dieser Prämisse, die Vizeadmiral Brinkmann einleitend vorgestellt hatte, standen die neun folgenden Vorträge als „Fallbeispiele“.

Frau Oberleutnant zur See Nicol Rüdiger eröffnete die Vortragsreihe mit einem Bericht über das Unglück von Folkestone, wo 1878 die Panzerfregatte „Großer Kurfürst“ durch einen versehentlichen Rammstoß versenkt wurde. Diese Katastrophe war einer der schwersten Unfälle der Kaiserlichen Marine und führte, bezogen auf Havarien, zu grundlegendem Umdenken. Die Autorin wandte sich dann in die Gegenwart und erläuterte wie die Deutsche Marine aus Havarien lernen und wie dieser Lernprozess zu optimieren ist.
Frau Kapitänleutnant Manuela Brand berichtete über die Verwandlung des Kptlt. Paasche als einem Offizier der Kaiserlichen Marine im Spannungsfeld zwischen humanitärer Verantwortung und der Wirklichkeit des Kolonialeinsatzes. Hans Paasche scheiterte letztlich an der Führungs- und Sozialkultur seiner Zeit. Durch seine Erlebnisse an der grauenvollen Niederschlagung des Maji-Aufstandes 1905 im damaligen Deutsch-Ostafrika wandelte sich Paasche vom treu dienenden Soldaten zum Pazifisten und Gesellschaftskritiker. 1920 wurde er rechtsradikalen Fanatikern ermordet.

Nach einem Grußwort des Herrn Bundespräsidenten (mehr) wurde die Vortragsreihe fortgesetzt.

Frau Kapitänleutnant Victoria Kietzmann referierte über „Konteradmiral Johannesson – Eine gebrochene Biographie zwischen Pflicht und Selbsterkenntnis“. In ihrem bemerkenswerten Vortrag konnte die Referentin Konteradmiral Rolf Johannesson, der in der Kaiserlichen, der Reichs-, Kriegs- und Bundesmarine gedient hatte, als eine Persönlichkeit darstellen, deren Lebensleistung aus heutiger Sicht mehrheitlich positiv zu bewerten ist. Sie stellte sich die Frage, warum dieser Admiral, der sich im Krieg offenkundig gegen das NS-Regime bekannt und als erster Befehlshaber der Flotte den Aufbau der Bundesmarine auch gegen manche Vorbehalte eindeutig unter das Prinzip der Inneren Führung gestellt hatte, heute noch immer die Gemüter spaltet. Anlass dazu ist der Umstand, dass Johannesson 1945 als Seekommandant und Gerichtsherr Todesurteile gegen Meuterer bestätigte, die durch eine kampflose Übergabe Helgoland vor der Bombardierung retten wollten, dies aber in seiner Autobiographie nicht erwähnt hatte. Bei der Bewertung seines Verhaltens werden Fragen der Beurteilung von Personen aus der Zeit von 1933 bis 1945 neu aufgeworfen. mehr
Zwei andere Fälle aus der Zeit des zweiten Weltkrieges wurden von Kapitänleutnant Sebastian Westphal behandelt: „ Führungsverhalten im Spannungsfeld zwischen Gehorsam, operativen Zwängen, Völkerrecht, Menschlichkeit und Mut am Beispiel der U-Boot Kommandanten Hartenstein und Eck“. Korvettenkapitän Werner Hartenstein riskierte 1942 nach der Versenkung des Truppentransporters „Laconia“ zur Rettung von Schiffbrüchigen sein Boot, Kapitänleutnant Heinz-Wilhelm Eck ließ zur Vermeidung der Entdeckung seines Bootes nach der Versenkung eines Frachters 1944 im Atlantik sogar Überlebende durch Maschinengewehrfeuer töten und wurde dafür 1945 von den Briten zum Tode verurteilt und in Hamburg hingerichtet. In Bewertung dieser historischen Beispiele warf der Vortragende Fragen nach der Relevanz dieser Fälle für die Gegenwart auf und zeigte, welche Erkenntnisse haute daraus zu gewinnen sind. mehr
Frau Kapitänleutnant Tanja Merkl, stelle sich die Frage ob die Matrosen Albin Köbis und Max Reichpietsch renitente, enttäuschte Soldaten oder Rebellen für das Streben nach Frieden und Gerechtigkeit waren. Frau Merkl wies zutreffend darauf hin, dass die 1917 auf dem Schießplatz auf der Wahner Heide bei Köln erschossenen Matrosen in durchaus berechtigter Weise gegen mangelhafte, schlechte Verpflegung und ungerechte Behandlung im Dienst demonstriert hatten, aber dann Opfer einer Militärjustiz wurden, die an diesen Soldaten ein abschreckendes Beispiel zur Aufrechterhaltung der Disziplin statuieren wollte. Sie zeigte welche Lehren nach den Grundsätzen der inneren Führung heute immer noch aus diesen Ereignissen zu ziehen sind. Wer heute der Marine dient, dem dient auch die Marine. mehr

Oberleutnant zur See Hauke Gärtner referierte über Admiral Theodor Hoffmann, den letzten Chef der NVA der ehemaligen DDR, als „Wanderer zwischen den Welten“. Die Streitkräfte der früheren DDR wehrten sich nicht gegen ihre Auflösung. Sie gestalteten dadurch den Weg der DDR in die Wiedervereinigung mit der Demokratie der Bundesrepublik mit. Admiral Hoffmann, damals zunächst Minister für Nationale Verteidigung und zuletzt Chef der NVA, spielte hierbei eine Schlüsselrolle. Trotz der den eigenen Vorstellungen entgegen laufenden politischen Entwicklung stellte er sich der Führungsverantwortung und verpflichtete die NVA auf unbedingte Loyalität gegenüber der von der DDR-Bevölkerung gewünschten Einheit Deutschlands. mehr
Admiral Theodor Hoffmann nahm als Ehrengast an der HiTaTa teil und bedankte sich bei dem Referenten für dessen sachlichen und vor allem fairen Vortrag. Ergänzend zu diesem vom Auditorium mit geradezu knisternder Spannung verfolgten Beitrag erhob anschließend Vizeadmiral a.D. Hendrik Born, letzter Flottenchef der Nationalen Volksmarine, das Wort und ergänzte den Bericht: Entscheidend dafür, dass die Wiedervereinigung friedlich verlief, war eine personelle Erneuerung der NVA-Führung. Dadurch wurde trotz des Widerstandes einiger konservativer Kräfte innerhalb der NVA eine letzte Militärreform ermöglicht und kritische Situationen konnten gemeistert werden. Admiral Born konnte hinzufügen, dass Admiral Hoffmann den Brief eines sog. „Femegerichtes“ erhalten habe, das ihn wegen Verrates zum „Tode durch Erschießen“ verurteilt hätte. Auch wurde ihm von konservativen Kräften der NVA angedroht, Panzer nach Berlin zu entsenden.

Frau Oberleutnant zur See Nana Mareike Ehlers referierte zum Thema „Seelsorge und Soldaten in Grenzsituationen. Was kann unsere Militärseelsorge leisten“. Die Vortragende resümierte, dass die Militärseelsorge in der Bundeswehr den Herausforderungen des Dienstes in Grenzsituationen auf zwei Ebenen begegnet: Sie ist beauftragt, zur unabhängigen Gewissensbildung der Soldaten beizutragen und andererseits dazu da, Soldaten in diesen Situationen zu begleiten, und ihnen zu helfen diese zu bewältigen. mehr

Oberstabsapotheker Dr. Frederik Vongehr berichtete von: „Banda Aceh und die Bundeswehr! Erfahrungen hinsichtlich Koordination und Kooperation im humanitären Hilfseinsatz.“ Nach einem schweren Seebeben, das im Dezember 2004 zu einer großen humanitären Katastrophe im südpostasiatischen Raum geführt hatte, beschloss Deutschland unter Beteiligung der Bundeswehr Hilfsmaßnahmen mit Schwerpunkt in Banda Aceh, Indonesien, durchzuführen. Dazu wurde der Einsatzgruppenversorger Berlin, ein Marineeinsatzrettungszentrum sowie ein landgestütztes Rettungszentrum bereitgestellt. Dieser erste Joint-Einsatz im Rahmen der humanitären Hilfe unter der Beteiligung der Marine und des Zentralen Sanitätsdienstes war noch nicht erprobt und stand als Konstellation zur Bewährung Der Referent hat in taktvoller Weise ohne Nennung der noch im Dienst befindlichen Verantwortlichen von den Schwierigkeiten der Koordination dieses höchst komplexen Einsatzes unter extremen Bedingungen geschildert und hier Wege aufgezeigt, welche Erfahrungen und Folgerungen für die Zukunft daraus zu ziehen sind.

Den Vortragszyklus beendete Oberleutnant zur See Daniel Epkenhans mit seinem Vortrag: „Kapitän zur See Reinhold von Werner: „Vor Ort entscheide ich!“ Die Handlungsfreiheit eines Kommandanten zwischen Lagebeurteilung und Primat der Politik“. Als historisches Beispiel für den Spagat der Handlungsweise eines Kriegsschiffkommandanten als Schiffsführer und Diplomat des Landes, dessen Flagge sein Schiff führt, wählte Daniel Epkenhans die Entscheidungen die Kapitän zur See Reinhold von Werner 1873 während des Spanischen Bürgerkriegs traf. Trotz Weisung, sich neutral zu verhalten, brachte er drei von Aufständischen besetzte spanische Schiffe auf. Für Reichskanzler Otto von Bismarck war dies ein Albtraum. Für uns ist der Primat der Politik unumstößlicher Teil unseres Selbstverständnisses als Marineoffiziere. Auch heute müssen Kommandanten der deutschen Marine unter Umständen binnen kürzester Zeit Entscheidungen treffen, die politische Auswirkungen bis auf die höchste Ebene haben können. So stellte sich Epkenhans die Frage, was der Primat der Politik heute bedeutet, wer die politischen Willensgeber sind und ob es Situationen gibt, in denen der Primat der Politik hinter der Lage vor Ort zurücktreten muss. mehr

Abschließend fasste Vizeadmiral Brinkmann die Ergebnisse der vorangegangenen neun Fallstudien zusammen indem er die Innere Führung als entscheidende Richtschnur für die Bundeswehr darlegte. Sie ist nichts anderes als die Verpflichtung alles Handeln nach der sittlich moralischen Werteordnung in den Artikeln 1 bis 19 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland auszurichten.  “Diese Führungsphilosophie justiert unseren inneren Kompass auf Moral und Menschenbild, Gewissen und Gesellschaft und verlangt schlicht, danach im Alltag zu navigieren“. Wie die Vorträge gezeigt haben, ändern sich dabei oft das gesellschaftliche und politische Umfeld. Deshalb forderte er: „Heute gehören diese Dinge zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, denen Innere Führung auch Rechnung zu tragen hat.“ Eine Überforderung des Einzelnen durch die gegenwärtige Geschwindigkeit von Fortschritt und Entwicklung hat die Suche nach Schablonen, Traditionen und Erfahrungen als Hilfen und Orientierungspunkten zur Folge. Deshalb werden tragfähige Traditionen, Vorbilder und Wert stiftende Narrative aus der Vergangenheit benötigt. Daraus resultiert die Notwendigkeit von Variablen aber auch von Konstanten, d.h. Einfachheit statt Komplexität. Die Innere Führung kann hier aus der Vergangenheit Wege für die Zukunft aufzeigen. Um Missverständnisse auszuschließen, betonte er: „Nicht wenige glauben, weil bei uns der Mensch im Mittelpunkts steht, apostrophiere die Innere Führung weniger die Würde als vielmehr die Wünsche des Menschen. Sie sei Softskill für Soldaten, Kuschelecke für Krieger, Wattebausch für Warrior.“

So war diese 58. HiTaTa nicht nur von Zahl der Teilnehmer ein Höhepunkt, sondern auch die Stringenz der erstklassig referierten Beiträge war von einem bisher unerreicht hohem Niveau. In allen neun Vorträgen wurden aus der Vergangenheit Schlüsse für Wege in die Zukunft vorgetragen, wahrhaft eine Historisch Taktische Tagung, ganz im Sinne ihres Gründers, Konteradmiral Rolf Johannesson.

 

Text: Dr. Heinrich Walle
Fotos: PIZ-Marine, Steve Back, Marcel Kröncke